Indonesien (3. Mai - 2. Juni)

Seit dem 3. Mai sind wir nun Multimillionäre! 1 Mio. indonesische Rupien entsprechen umgerechnet etwa Fr. 70.-. Mit 3,5 Mio. in der Tasche machen wir uns auf die Weiterreise. In Malang werden wir von einer NGO-Mitarbeiterin erwartet und kommen dadurch sehr schnell in Kontakt mit Indonesiern. Wir werden in ihre Häuser eingeladen und erleben eine unbeschreiblich herzliche Gastfreundschaft.

 

Die Gastgeberorganisation plante im Vorfeld unseren Besuch. So sind wir bspw. in einer Selbsthilfegruppe für Eltern mit behinderten Kindern. Solche Gruppen gibt es hier kaum, denn in der vorwiegend islamischen Gesellschaft treffen Behinderte und ihre Angehörigen auf wenig Verständnis und viele Vorurteile. In der schamorientierten Kultur werden Kinder oft versteckt oder man geht erst Nachts mit ihnen raus. Spannend ist, dass sich das langsam zu ändern beginnt. Über 30 Leute (Moslems und Christen) kommen an diesem Morgen zusammen. Eine Frau reist extra 2h mit dem Roller an, um uns an diesem Treffen zu sehen. Dass Ausländer ausgerechnet zu ihnen kommen und sich für sie interessieren, löst eine riesige Freude bei diesen Menschen aus. Martha beantwortet Fragen, die sie im Vorfeld erhalten hat und die Männer und Frauen zeigen grosses Interesse an ihren Beiträgen. Einfache Hilfestellungen und Tipps lösen Grosses aus. Uns beeindruckt die gegenseitige Wertschätzung und Hochachtung von Moslems und Christen in dieser Gruppe. Sie alle verbindet das gemeinsame Anliegen, sich gegenseitig zu ermutigen und zu unterstützen. 


Andere Welt (8. Mai)

Am 5. Mai hat der islamische Fastenmonat Ramadan begonnen. Bis in die späte Nacht hinein tönen Gebete und Koranzitierungen aus den Lautsprechern der Moscheen, von denen es alle paar hundert Meter eine gibt. Es ist also sehr laut hier und das Ganze beginnt dann morgens um drei Uhr wieder. Wir stopfen uns Ohropax aus Wachs in die Ohren und finden so unseren entspannten Schlaf... Indonesien hat über 240 Mio. Einwohner und ist über 80% islamisch, wobei der Islam in weiten Teilen als moderat bezeichnet werden kann. 

 

Jemand aus der Selbsthilfegruppe von Eltern mit behinderten Kindern hat verschiedene Anlässe an Schulen für Martha organisiert. Die Tage sind stark ausgefüllt mit diesen Veranstaltungen und kurzen Sightseeing-Touren. Vorträge für Lehrer und Beratungen für Eltern sind sehr gefragt. Der Bedarf ist riesengross! An einer islamischen Schule spricht Martha vor über 100 Lehrern zum Thema «Verständnis von Erziehung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen». Das Wissen zu diesem Thema ist hier sehr gefragt, weil kaum bekannt. Etwas schräg empfinden wir Fragen wie bspw.: «Sind Autisten und Idioten dasselbe?» oder «Gilt ein Kind, das schnell wütend wird, als behindert?» - Die kulturelle Sonderbehandlung als «special guests» ist uns eher unangenehm, aber sie gehört eben auch dazu. Ganz speziell sind auch manche Geschenke, die wir erhalten: Nebst vielen Fresspaketen sind da noch der rosa Bettbezug mit Blumenmustern und die Trophäe mit der Göttin von Malang zu nennen. 

 

Dann wäre da noch die schlichte Beobachtung, dass manche Tiere und Pflanzen um einiges grösser sind als bei uns. Die Vegetation und landschaftliche Vielfalt Indonesiens sind einfach überwältigend. 


Bromo (13. Mai)

Indonesien ist eine vulkanreiche Insel, die auf dem sogenannten Feuerring liegt. Viele Vulkane sind noch aktiv, wie bspw. der Krakatau, der am 22. Dezember 2018 ausbrach und daraufhin einen Tsunami auslöste, der die Küsten Javas und Sumatras überschwemmte. Wir unternehmen bei besten Wetterverhältnissen einen Trip zum aktiven Vulkan Bromo. Kurz nach Mitternacht brechen wir auf, durchfahren mit dem Jeep die Chaldera des Bromogebietes und steigen anschliessend auf einen höher gelegenen Viewpoint auf. Dort bietet sich uns ein atemberaubender Sonnenaufgang mit genialster Aussicht auf die Vulkane. Auf der Rückkehr sehen wir die vielen Gemüsefelder, die an den steilsten Hängen angelegt und bewirtschaftet werden. Die Erde ist hier sehr fruchtbar und drei Ernten pro Jahr sind normal.  

 

Mittlerweile sind wir in Surabaya, einer Küstenstadt mit 5 Mio. Einwohnern angekommen. Es ist die grösste Wirtschafts- und Handelsstadt im Osten Javas. Wir sind an einem absolut untouristischen Ort einer NGO untergebracht, umgeben von zahlreichen Moscheen (die Wachs-Ohropax bewähren sich bestens :-). Die Gekkos im Zimmer fressen die Moskitos und manchmal sind Ratten in den Zwischenwänden zu hören. Es tut uns gut, in die Häuser und Lebensgewohnheiten der Menschen hier zu sehen. 


Selamat pagi (15. Mai)

Guten Morgen - So begrüsst man sich am frühen Morgen. Indonesier sind wegen des heissen Klimas Frühaufsteher. Wir eher weniger…, denn die vielen neuen Eindrücke wollen schliesslich im Schlaf verarbeitet werden. 

 

Es gibt hier keine religiös neutralen Schulen. Die staatlichen Schulen sind alle islamisch geführt. In diesen Schulen ist die Qualität der Bildung sehr tief. Aus diesem Grund gibt es ganz viele private Schulen, die islamisch, christlich oder religiös gemischt geführt werden. Wir besuchen christlich geführte Schulen und stellen den Schülern die Schweiz vor. Es kommt zu einem oft amüsanten Frageaustausch. 

Wir besuchen ebenso eine grosse Universität und haben ein ganz spannendes Gespräch mit Verantwortlichen der Lehrerausbildung. Die Frage: «Habt ihr uns etwas Ermutigendes zu sagen?» stimmt uns nachdenklich. Gute, fähige Lehrer zu finden, ist eine der grössten Herausforderungen in diesem Land. In allen Gesprächen ist uns dies entgegengekommen. Praktisch jeder wird als Lehrer angestellt, auch wenn er über keine entsprechende Ausbildung verfügt. 

 

Hans-Jörg führt Coachings in einer NGO durch und wir sind berührt davon, wie gross die Wirkung dabei ist und was dieses bei Einzelnen oder Gruppen auslöst. Uns begegnen eine grosse Offenheit und Freude darüber, dass wir für diese Menschen da sind. Die Themen, die besprochen werden, sind vielfältig und beschäftigen die Mitarbeiter. Wir staunen, dass trotz kulturellen Unterschieden eine enge Vertrautheit entsteht und es werden konstruktive Lösungen erarbeitet.

 

Bei uns ist es wieder Nacht geworden und wir wünschen: Selamat malam dan sampai jumpa lagi. - Gute Nacht und auf Wiedersehen. 


Rückzug - retreat - घट्दैछ - berundur - mundur

Unsere Zeit in Ostjava ist zu Ende und wir fahren mit dem Zug von Surabaya nach Jakarta. Für die über 700 km gönnen wir uns 1. Klasse. Der Wagen ist vollklimatisiert, verfügt über viel Beinfreiheit und es wird uns sogar ein Mittagessen serviert. Das Ganze kostet umgerechnet Fr. 32.-per Orang (indonesisch Mensch). Die Indonesier sind sehr stolz auf ihre pünktliche Bahn und den Service. Das war bei uns ja auch mal so…

 

In Jakarta machen wir Malling und sind fasziniert von den Hochhäusern im Zentrum. In Indonesien fanden Mitte April die Präsidentschaftswahlen statt. Gewählt wurde der bisherige muslimisch moderate Amtsinhaber Joko Widodo. Die Opposition, die einen radikaleren Islam verfolgt und westliche Werte bekämpft, hat nach Bekanntgabe der offiziellen Wahlresultate am 21. Mai in allen grösseren Städten zu Demonstrationen aufgerufen und Wahlbetrug reklamiert. Wenn wir die Bilder aus Jakarta im TV mitbekommen, sind wir froh, ein paar Stunden zuvor noch den Flughafen erreicht zu haben. Wir sind nun auf der indonesischen Insel Bali, die hinduistisch und liberal geprägt ist. Nach den intensiven Tagen spüren wir die Müdigkeit, schlafen ausgiebig und freuen uns auf den Rückzug.